Wednesday, 21 June 2017

Mat Hennek: Woodlands

D_Kanzern_01_20-09 @ Mat Hennek, Steidl 2017

Bilder brauchen nicht immer Worte. Jedenfalls dann nicht, wenn jeder und jede weiss, was er und sie vor Augen hat. Und für diejenigen, die sich im vorliegenden (für mich offensichtlichen) Fall nicht wirklich sicher sind, gibt es ja auch noch den Buchtitel: Woodlands, also Waldgebiete.

Ausser den für den Betrachter wenig informativen Bildlegenden, die wohl eher den Fotografen erinnern sollen, wann und wo er seine Aufnahmen gemacht hat, liefert dieser Band keine Begleitinformationen. Verlag und Fotograf überlassen es also dem Betrachter, was er damit machen will. Und so lasse ich meine Augen über diese mich sehr ansprechenden Fotografien wandern: sie gefallen mir nicht nur, sie ziehen mich geradezu magisch an. Der Satz eines amerikanischen Pastors aus einem vor Jahren sehr bekannten Selbsthilfebuch (der Titel wie auch der Name des Pastors sind mir entfallen) geht mir durch den Kopf. Sinngemäss lautet er so: 'Von Menschen Gemachtes beginnt uns sehr schnell zu langweilen, die Natur hingegen langweilt uns nie.' Der Gedanke hat viel für sich, obwohl: ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass diese Naturaufnahmen mich einmal langweilen werden.
D_Silberberg_07_2015 @ Mat Hennek, Steidl 2017

Für mich sind diese Aufnahmen höchst inspirierende Einladungen zur Kontemplation. Mat Hennek hat ganz unterschiedliche Ausschnitte des Waldes eingerahmt, zu verschiedenen Jahreszeiten. Ich fühle mich eigenartig hineingezogen in diese Bilder, sie lassen mich ruhig werden. Auch wähne ich mich vor Ort, obwohl ich gleichzeitig weiss, dass das, was ich sehe, kein realer Wald ist, denn ein solcher ist voller Geräusche und Gerüche. Anders gesagt: ich weiss, dass ich Bilder von einem Wald betrachte und trotz meines besseren Wissens vermeine ich einen richtigen, echten  Wald vor Augen zu haben.
D_Kliffkueste_01_2015 @ Mat Hennek, Steidl 2017

Ich staune über das Licht und die umwerfende Formenvielfalt. Und denke so bei mir: der wahre Künstler hier ist die Natur. Das soll die Leistung des Fotografen nicht etwa schmälern, denn ohne diese einfühlsam komponierten Bilder hätte ich den Wald so wohl nie gesehen. Auch wäre ich nicht so überzeugend angeregt worden, mich selber wieder öfter in Wälder aufzumachen. Um dort das zu tun, was Mat Hennek getan hat: sehen, was es zu sehen gibt; staunen darüber, was es alles gibt.

Mat Hennek
Woodlands
Steidl, Göttingen 2017

Wednesday, 14 June 2017

Rückkehr nach Libyen

Dreissig Jahre lang hatte Hisham Matar das Land seiner Kindheit nicht mehr betreten, als er sich im März 2012 zusammen mit seiner Frau und seiner Mutter nach Libyen aufmacht, um herauszufinden, was mit seinem Vater geschehen ist, der in Gaddafis Gefängnissen verschwunden war. "Mutter wusste, dass mein Wille, herauszufinden, was geschehen war, zu einer Obsession geworden war."

Hishams Vater, Diplomat, Politiker und Widerstandskämpfer gegen Gaddafis Regime, war im März 1990 vom ägyptischen Geheimdienst aus seiner Kairoer Wohnung entführt und an Gaddafi ausgeliefert worden (der Klappentext spricht fälschlicherweise davon, dass der libysche Geheimdienst ihn im Kairoer Exil mitten auf der Strasse entführt habe).

Vor allem beschäftig den Sohn, wie es seinem Vater in den ersten Tagen, ja, den ersten Stunden der Gefangenschaft ergangen ist. Bei seinen Nachforschungen stösst er jedoch auch immer wieder auf kulturelle Eigenheiten, die seiner Wahrheitssuche entgegen stehen. "Als Erregung und Nervosität nichts zu sagen übrig liessen, taten wir, was die meisten Leute tun und worin die libysch-beduinische Gesellschaft besonders gut ist: Wir wiederholten die höflichen, unpersönlichen Allgemeinplätze und Fragen, die, so verlangt es die Etikette, nicht zu spezifisch sein dürfen, wobei der Hauptzweck darin liegt, dem aus dem Weg zu gehen, was die männlichen Mitglieder meiner Familie väterlicherseits stets sorgfältig vermeiden: Einmischung und Klatsch."

In Libyen waren Geschichten im Umlauf, "die zu abstrus wirkten, als dass man sie glauben konnte", doch die sich als wahr erwiesen. So sollten sich etwa unter dem Gelände des militärischen Komplexes in Tripolis, in dem Gaddafi sich aufhielt, Gefängnisse befinden, in denen die heftigsten Widersacher des Dikatators eingesperrt waren, denn er "hatte seine grössten Gegner gerne nahe bei sich, um sie sich von Zeit zu Zeit ansehen zu können, die Lebenden wie die Toten. Gefriertruhen mit Leichen lange verstorbener Dissidenten wurden gefunden."

Die Rückkehr findet in der Zeit nach Gaddafis Sturz und vor dem neuen Bürgerkrieg statt und beschert dem 42jährigen Hisham Matar auch ein recht aufreibendes Familienbesuchsprogramm. Er hat zwar nur einen Bruder, jedoch einhundertdreissig Cousins und Cousinen, die alle besucht werden wollen. Sein Onkel Mahmoud (geboren 1955), der jüngste Bruder seines Vaters (geboren 1939) verbrachte einundzwanzig Jahre in Abu Salim, dem berüchtigsten Gefängnis des Landes, und erweist sich als eine wichtige Informationsquelle. Er war auch ein grosser Leser, der immer wieder bestimmte Einzelheiten aus den Brüdern Karamasow, Candide oder Madame Bovary zitierte, "was er aus dem gleichen Grund heraus tat, der freie Menschen ein Buch erneut lesen lässt: um den Genuss zu wiederholen und zu vertiefen." 

Für mich, der ich so ziemlich gar keine Vorstellung von Libyen habe, ist Die Rückkehr eine höchst aufschlussreiche Lektüre. Und das hat nicht zuletzt mit den vielen Anekdoten zu tun, die Hisham Matar erzählt. So war etwa sein Vater Bayern München-Fan und wenn er ausser Haus war, nahm die Mutter die Spiele auf, auch die Fussballübertragungen im Radio, einschliesslich der zweiten ägyptischen Liga, sogar nachdem er entführt worden war. Die mir liebste Anekdote ist diese hier: "Ein achtzehnjähriger arabischer Muslim betete in einem englischen Pub für eine schottische Mannschaft, weil sie einen möglicherweise aus Afrika stammenden schwarzen Spieler hatte, während die libysche Familie des Muslims im Exil in Kairo die deutsche Mannschaft anfeuerte."

Da Hisham Matar ein belesener Mann ist, kommt auch Literarisches nicht zu kurz. So zitiert er etwa Jean Rhys: "Nie würde ich zu irgend etwas gehören. Nie würde ich wirklich irgendwohin gehören, und das wusste ich, und mein ganzes Leben lang würde es nie anders sein - ich würde versuchen, irgendwohin zu gehören, und dabei scheitern. Immer würde irgend etwas schiefgehen. Ich bin eine Frede und werde es immer bleiben, und im Grunde genommen machte es mir so gut wie nichts aus." Er kommentiert das Zitat wie folgt: "Als ich diese Zeilen von Jean Rhys zum ersten Mal las, dachte ich, ja, und dann, fast sofort, ärgerte ich mich über dieses Einverständnis. Deshalb ist die Rückkehr in jenes frühere Leben wie das Entdecken eines Spiegelbildes an einem öffentlichen Ort. Deine erste Reaktion, noch bevor du es begreifst, ist Argwohn. Du kommst aus dem Tritt, findest aber gerade noch rechtzeitig das Gleichgewicht wieder."

Er soll in der Bibliothek auftreten, ein Gespräch vor Publikum. Ein alter Mann aus dem Publikum stellt sich als Freund seines Vaters vor und übergibt ihm Kurzgeschichten, die dieser geschrieben hatte. "Ich wusste zwar von den Versuchen meines Vaters, Gedichte zu schreiben, hatte aber nicht geahnt, dass er sich als Student in Paris auch in Prosa versucht hatte." Auch erfährt er erst von Fremden, dass seine Mutter Mütter von politischen Gefangenen bei sich aufgenommen hatte.

Die Rückkehr informiert auch über die Verbindungen des britischen Establishments mit Gaddafi sowie über die Besatzung Libyens durch die Italiener, die 1911 ins Land kamen und jeden sechsten Bewohner der Hauptstadt auf kleine Inseln rund um Italien, zum Beispiel die Tremiti-Inseln, Ponza, Ustica und Favignana, verschleppten. "Das Land sollte entvölkert werden. Die Geschichte erinnert sich an Mussolini als den clownesken Faschisten, den wirkungslosen, tumben Italiener, der im Zweiten Weltkrieg kaum überzeugte; in Libyen verantwortete er einen Genozid."

Gegen Ende des Buches wähnt man sich plötzlich in einem veritablen Thriller. Nach neunzehn Jahren des Stocherns im Nebel, meldet sich ein Mann telefonisch bei Hisham – er habe seinen Vater gesehen, im Jahre 2002. "Noch nie hatte jemand behauptet, meinen Vater nach 1996, dem Jahr des Massakers gesehen zu haben. Wenn das stimmte ...". Der britische Aussenminister David Miliband und Gaddafis Sohn Saif al-Islam kommen ins Spiel ...

Die Rückkehr ist ein bewegendes Buch.

Hisham Matar
Die Rückkehr
Auf der Such nach meinem verlorenen Vater
Luchterhand Verlag, München 2017

Wednesday, 7 June 2017

Entryways of Milan / Ingressi di Milano

First things first: This is a most wonderful book! Every time I open it and look at these stunning photographs by Matthew Billings, Delfino Sisto Legnani, and Paola Pansini, I feel impressed, delighted, enchanted.

Entryways of Milan, edited and directed by Karl Kolbitz comprises also texts by Fabrizio Ballabio (Milan's Ingressi as Liminal Spaces for Architectural Expression), Daniel Sherer (The Discreet Charm of the Entryway), Penny Sparke (Nature Inside: Plants in Interior Spaces), and Lisa Hockemeyer (Ceramics Everywhere: An Italian Heritage). The stone identification was done by Angela Ehling and Grazia Signori, the stone commentary by Grazia Signori, and the design identification and commentary by Brian Kish.
via Gabrio Srebelloni 10
Palazzo Sola-Busca
Aldo Andreani, 1924-30
walls: Ceppo dell'Adda, mediano (i.e. medium coarse-grained)
stairs: Botticino limestone

 "Few conventions of architecture are as omnipresent, and at the same time as taken for granted, as the threshold. The purpose of the threshold seems straightforward enough: to allow passage between interior and exterior while establishing a formal demarcation between the two domains. However, it should be remembered that the threshold, as a liminal zone – indeed, as a decisive paradigm of liminality itself – is riven by ambiguity; simultaneously joining and separating, it generates a space that is neither inside nor outside, but partakes of both. In this respect, the threshold, which might seem to sanction a clear-cut spatial division, actually disrupts any unequivocal categories of interior and exterior", writes Daniel Sherer.

I've never thought about thresholds in this way yet it reminded me of quite similar thoughts that I entertained a few years ago in Southern California. My host and I were crossing the desert when all of a sudden he stopped at an oasis that served as a stopover for migrating birds. Looking at the  fringes where the green grass met the sand, I wondered where the desert ended and the oasis started or vice versa. In other words, the categories we make up are just categories. If you look at the thresholds in this book with this in mind you might very likely see a connection and not a division.
corso di Porta Nuova 2
Giuseppe Roberto Martinenghi, 1937
floor: Arabescato Carrara marble
walls: Nero Assoluto d'Talia limestone
and Calacatta marble

To me, looking at these entryways is like watching a movie. For what my eyes are registering is one thing, to where however my imagination/my brain is transporting me quite another. Needless to say, I cant't stop wondering where these entryways lead to and keep asking myself what may lie behind these doors.

Apart from the stunning designs, it is the colours and the colour combinations respectively I'm fascinated by. And, how the photographers chose to frame these entryways. I've tried to put myself into their shoes and stepped mentally back and forth, away fom the doors and then again closer to them. In other words, I've mentally played with the frames, imagined myself to slightly alter them only to realise how brilliantly the photographers had done their work. These compositions are simply marvelous!

Do the inhabitants of these buildings pay attention to these stunning entryways or, and this is what I actually suppose, do they take them for granted? If it were the latter, they'd be well advised to consult this extraordinary work.
via Giuseppe Dezza 49
Gio Ponti, Antonio Fornaroli, Alberto Roselli, 1952-56
Sconce by Gio Ponti
floor: serpentinite Verde Acceglio, Porta Santa limestone
Carrara Bardiglio marble, Carrara Bianco marble

Some years ago, I aimed my camera for a while at chairs, then at doors and windows. Entryways of Milan inspires me to again pursue a project that focuses on a specific topic. Dorothea Lange once said that the camera taught her to see without a camera. The cameras of photographers Billings, Legnani, and Pansini made me see what I otherwise would very probably never have been able to see. Thank you! It was a mosr joyful and rewarding experience.

Karl Kolbitz
Entryways of Milan
Ingressi di Milano
Taschen, Cologne 2017

Wednesday, 31 May 2017

George Rodger: Nuba & Latuka

George Rodger (1908-1995), born in Hale. Cheshire, was one of the co-founders of Magnum Photos Inc., "a cooperative photographic agency intent on collectively supporting its members and protecting their copyrights as well as efficiently distributing and selling their work internationally", as Aaron Schuman of SeeSaw Magazine writes. The other founders I had so far thought to be Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, and David 'Chim' Seymour yet, as Aaron Schuman informs me, Bill Vandivert and others also belonged to the founders.

The photographers he admired, writes Chris Steele-Perkins in The Sudan in Colour, all worked in black and white and Rodger's most famous shot from his time in the Sudan is a black and white picture that depicts a victorious Korongo Nuba wrestler being carried through a crowd on the shoulders of his defeated opponent.
The champion of a Korongo Nuba wrestling match, 
Kordofan, Southern Sudan 1949
@ George Rodger / Magnum Photos

Aaron Schuman's description of this photograph helps me see aspects that might have escaped me. "The subject's posture is impressively dominant and proud. Furthermore, rendered in black and white, his body – dusted with white wood ash and naked apart from two small nose rings, a thin bracelet on his right wrist and a hoop earring in his left ear – appears solid and heavy, the varying grey tones of each muscle and vein mimicking the smooth monochromatic contours of expertly chiselled marble. His expression is more ambiguous though, both profoundly authoritative and intensely curious, and because of deep shadows that fall across his eyes in many reproductions of the image, it often appears as if he is staring directly down Rodger's lens (when in fact, on closer inspection of finer prints, it becomes clear that he is gazing intently over the head of the photographer." 
Bracelet fighters of the Kao-Nyaro. 1949 
@ George Rodger / Magnum Photos

In the late 1940s, colour technology, while present in print media and especially in fashion and advertising, was not dominant in documentary and reportage photography. The colour images in this tome, that Rodgers had made alongside his black-and-white work, had until now been unknown and unpublished. 

"It seems appropriate", writes Chris Steele-Perkins, "that in Magnum Photos' seventieth year, after seventy years of turmoil and fellowship, the 'lost' colour photographs of George should be published, to celebrate this seminal work on the Nuba, Latuka and other Sudanese peoples and also remind us that this is the Magnum that George had co-founded seven decades ago, a Magnum that is still very much alive and can surprise with these archive treasures misplaced by history."

 "What these images reveal, apart from an added visual vibrancy", argues Aaron Schuman, "are fascinating clues into the working practices of a professional photographer at the top of his game in the mid-twentieth century."
Dinka and Nuer girls dressed for a ceremonial dance. 1949
@ George Rodger / Magnum Photos

I'm not into ceremonial dances or into ritual fights, neither at home nor abroad, yet I thought the photographs in this tome strikingly fascinating. I would have very much liked to know what was going on in the heads of these boys and girls, women and men. Wouldn't they have it thought strange that a white Englishman in his early forties was taking pictures of them?

As ever so often when looking at photographs of attractive men and women I'm not too sure whether it is the photographs that I'm fond of or the ones depicted. I guess it's the fit bodies and the confident manner that these Southern Sudanese display that I'm mainly impressed by.

To me, these photographs radiate dignity and pride.

George Rodger
NUBA & LATUKA
The Colour Photographs
Essays by Aaron Schuman
and Chris Steele-Perkins

Prestel; Munich-London-New York 2017

Wednesday, 24 May 2017

Anne Loch: Künstliche Paradiese

Anne Loch, Künstliche Paradise,

Hrsg: Bündner Kunstmuseum, Chur 2017


Anne Loch wurde 1946 in Minden, Nordrhein-Westfalen geboren und starb 2014 im bündnerischen Promontogno. Sie lebte viele Jahre in Thusis und war eine sehr eigene und eigenständige Person.

Es sei gleich gesagt: Meine Absicht ist weder Anne Loch vorzustellen, noch ihr Werk in einen Zusammenhang zu stellen, und schon gar nicht, ihre Arbeit zu würdigen. Das sollen Berufenere tun. Mir geht es hier einzig darum, ein paar (der mir bewussten) Gründe darzulegen, was mich an Anne Loch und an einigen ihrer Bilder anspricht, ja, wie diese auf mich wirken beziehungsweise was sie bei mir auslösen.

Es sind Tagebucheinträge auf Ihrer Homepage http://anne-loch.net/, die mir den Ärmel reingenommen haben. "Oft denke ich, ein Psychiater würde ganz viele Gründe haben, warum ich so lebe. Warum ich mit dieser Liebe lebe, zum Beispiel, ich würde das Leiden lieben oder sonst was. Mir sind schon so viele Erklärungen gesagt worden. Aber ausserhalb der Analyse gibt es noch etwas Anderes: Das sind die Momente der Wahrheit, und die zu fühlen, das kann nur ich. Und die Entscheidung zu treffen, das kann auch nur ich." (Tagebuch, Juni 1990)

Anne Loch 580,1993, Acryl auf Leinwand, 1.80x1.30m ·

 © Nachlass Anne Loch, Bern


Einer dieser Tagebucheinträge hat mich dermassen gepackt, dass ich wusste, ich würde mir die Ausstellung im Bündner Kunstmuseum Chur ansehen gehen und war dann überrascht, dass die Bilder im Buch mich stärker anzogen. Das ist so recht eigentlich noch nie vorgekommen, immer war es bisher umgekehrt gewesen. Vielleicht war es diesmal deswegen anders, weil ich die Farben im Buch, so ganz nah vor Augen und nicht von anderen Besuchern abgelenkt, satter und intensiver erlebte und es sind die Farben, die mich für die Arbeiten von Anne Loch einnehmen.

Doch zum gerade erwähnten Tagebucheintrag, wo sie schreibt, dass sie "nie ein Landschafter war. Ich habe nicht meine Kindheit oder meine Jugend oder später meine Zeit in der Landschaft verbracht und dann sehnsuchtsvoll darauf hin Landschaften gemalt, sondern die Landschaft war so dieser Schmerz, das zu sehen, was dann auslöst zu bemerken, was wir verkehrt machen. Also wenn ich ein Foto von einer Landschaft sehe oder ich sehe eine Landschaft im Fernsehen, dann rührt das diesen Schmerz eher als die Landschaft an sich. Die Landschaft an sich ist ja eher eine tiefe Beruhigung und Befriedigung, und so habe ich meine Landschaften nur aus der Idee heraus gemalt, also nach Fotos ..." (Tagebuch, Mai 1990).

Was der Mensch erschafft, erfüllt ihn mit Schmerz. Eindrücklicher habe ich selten gelesen, was Entfremdung bedeutet und wie wir darunter leiden. Zudem: Mit dieser Einsicht im Kopf wirken diese so ungemein starken Farben noch stärker.

Anne Loch 182,1986, Acryl auf Nessel, 1.55x2.85m 

· © Nachlass Anne Loch, Bern


Wie Anne Loch aus kunstgeschichtlicher Warte gesehen werden kann erläutern Texte von Stephan Kunz, Annelie Pohlen, Konrad Tobler und André Born, die durch ein Gespräch von Stephan Kunz und Albrecht Schnider ergänzt werden.

Anne Loch 
Künstliche Paradiese
Bündner Kunstmuseum Chut
Scheidegger & Spiess, Zürich 2017

Wednesday, 17 May 2017

Sibylle Bergemann: Beauty and Doubt

Lily, Berlin, 2009

It doesn't happen often that I feel immediately drawn to the photographs I'm looking at. And, even less often such photographs are by one and the same person.

It was in 2011 that I came across Sibylle Bergemann. It was a collection of polaroids which fascinated me for I didn't think it possible that they could radiate poetic quality – but they do. 

The tome Sibylle Bergemann 1941 - 2010 not only shows photographs that I can't take my eyes off, it also comes with most impressive texts. Here's how Sonia Voss comments on the cover (shown above):  "Midnight blue walls, dress the color of light. Seated in the corner of a room, illuminated by the half-light of a window, off-camera to the left, a woman traces the diagonal of a frame. Her arms extended the length of her body, the folds of her skirt spread carefully in front of her, she is tipped back on a bench, photographed slightly from above, delivered up to the lens. Her eyes are closed: one sees only their graceful design, large black accents, shadowed lids. Thus styled, she shrinks from our grace. Offered up, she seduces us and simultaneously resists us. From the interior world in which she has taken refuge, we get to know nothing. The deepest thing in man, Paul Valéry wrote, is the skin."

Wonderful! Words like these help me see what I would very likely have missed.
Dakar, 2001

I feel deeply touched by Sibylle Bergemann's photographs, by virtually all of them. I'm not sure why yet I can identify here the most prominent sensation that I'm experiencing when spending time with them: a kind of vague longing.

It's probably also to do with what Jutta Voigt expressed like this: "Every portrait is also a self-portrait of this photographer with the literary gaze; she sees what she knows and feels: beauty and doubt." And a distinct sadness, I feel like adding.

Quite some of Sibylle Bergemann's pics reminded me of paintings, especially the color photographs. There's an elusive magic that they exude and that makes me pause.
Lily, Margaretenhof, 2009

This tome was published on Sibylle Bergemann's 75th birthday in August 2016. It contains mostly portraits and man-made environments (buildings, broken-down cars). The last chapter shows a photo documentary of the creation (from 1975 until 1986) of the Marx and Engels Monument.

"After the fall of the Berlin Wall, the sculpture of Friedrich Engels, dangling from a crane, was frequently viewed in photo-historical reception as a symbol of the GDR's dismantlement. At the time the image was taken, however, the sculpture was held to be a portrayal of construction. Bergemann commented laconically: 'We just showed how it really was.'"
Das Denkmal, Berlin Februar 1986

The texts come in German, English, and French; the translations are excellent.

Sibylle Bergemann 1941 - 2010
Zum 75. Geburtstag / On her 75th Birthday / Pour son 75e anniversaire
Kehrer Verlag, Heidelberg 2017

Wednesday, 10 May 2017

World Press Photo 2017

Burhan Ozbilici for The Associated Press

"Trust is at the heart of what we do and can never be taken lightly. World Press Photo relies on visual journalists to give us the information necessary to verify their photographs and stories. They all do so willingly. We play our part by having a rigorous verification process that ensures our winners are as accurate as possible. Together we produce the best in visual journalism", writes Lars Boering, Managing Director, World Press Photo Foundation.

Trust is indeed important, it is essential. Not just in press photography but in very probably everything. Boering's claim to "produce the best in visual journalism" is however not much more than a claim (or wishful thinking) for there are no hard criteria as to what may be "best". Moreover, making such a claim doesn't exactly inspire the aformentioned trust that photojournalism relies upon but risks eroding it.

To be more specific: I'm not even sure that Burhan Ozbilici's World Press Photo of the Year 2017 is a good photograph. Don't get me wrong: I think the story of this assassination (the combination of photographs and the accompanying text and captions) deeply irritating and moving. In other words: excellent photojournalism. But a good photograph? In my view, a good picture is more than a snapshot, factors such as light and composition need to figure prominently.

I very much liked what Stuart Franklin, Chairman of the 2017 Jury, had to say for I thought his elaborations informative and clarifying. "Viewing the pictures, and despite a desire for objectivity, differing filters are applied by each juror. These relate to aesthetics, news value, cultural bias, social or environmental significance and so forth. Personally, I looked for an empathetic eye, and am very pleased to have found that in so many of the photographs that made the cut. Photographs need to be of a professional standard and uncontrived, although the People category is open to the established practice of portraiture. Despite efforts to counter stereotypes, they sometimes slip through. The tension between art and journalism, deeply embedded in the medium, is also an unavoidable contingent."
Tomás Munita for The New York Times

When selecting the pics for this blogpost, I decided to let myself be guided by instinct. The above picture shows members of the Ejército Juvenil del Trabajo, a youth auxiliary wing of the Revolutionary Armed Forces, waiting along the road to Santiago de Cuba at dawn for Castro's funeral procession to pass.

Needless to say, impulses do not always come out of the blue. The reason I feel drawn to this pic might have to do with the fact that I sort of have a special relationship with Cuba for, many years ago, I got married in La Habana.
Daniel Berehulak for The New York Times

This is what Rodrigo Duterte's anti-drug offensive in the Philippines looks like. The photo shows Jimji Bolasa (6) crying before funeral parlor workers remove the body of her father, Jimboy, who was found dead after being abducted by unidentified men.
Sergey Ponomarev for The New York Times

Residents of Mosul flee the city in November 2016.

There were many more pics that I thought captured touching moments. World Press Photo 2017 presents a veritable tour d'horizon to the trouble spots of this world and in so doing reminds us of what we need to be reminded of. For photographs in combination with explanatory words can help us feel the pain and sufferings of our fellow human beings.

World Press Photo 2017
Schilt Publishing, Amsterdam 2017